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Wie Rothenburg sein Wasser den Berg hinaufbrachte
Rothenburg liegt hoch über dem Taubertal – eine ideale Lage für die Verteidigung, aber ein Problem für die Wasserversorgung. Denn das Wasser befand sich dort, wo es naturgemäß hinfloss: unten im Tal.
Ende des 16. Jahrhunderts entstand deshalb eine technisch bemerkenswerte Lösung. Mit der Kraft der Tauber wurde Quellwasser über ein Pumpwerk viele Meter nach oben bis zum Klingenturm befördert. Von dort verteilte es sich über Leitungen und Brunnen weiter in der Stadt.
Eine frühe technische Meisterleistung, die zeigt, wie ausgeklügelt die Versorgung Rothenburgs bereits vor mehr als 400 Jahren organisiert war.
Wasser war für Rothenburg ein Problem
Rothenburg ob der Tauber liegt eindrucksvoll über dem Taubertal. Was heute zu den besonderen Reizen der Stadt gehört, stellte ihre Bewohner über Jahrhunderte vor ein ganz praktisches Problem: Wasser befindet sich normalerweise unten im Tal – die Menschen lebten aber weit darüber auf der Höhe.
Brunnen innerhalb der Stadt und vorhandene Wasserleitungen konnten die Versorgung nur begrenzt sichern. Besonders in trockenen Zeiten und für eine dicht bewohnte, befestigte Stadt war das ein ernstes Problem.
Ende des 16. Jahrhunderts entschied sich Rothenburg deshalb für eine bemerkenswerte technische Lösung: Das Wasser sollte nicht mehr mühsam nach oben transportiert werden. Eine Maschine sollte es hinaufpumpen.
Damit entstand eine der interessantesten technischen Anlagen der Rothenburger Stadtgeschichte.
Die „Neue Wasserkunst“
Im Jahr 1593 beauftragte die Stadt den Wasserbaumeister Hans Sommer aus Kempten und dessen Sohn mit dem Bau einer neuen Wasserversorgung. Wahrscheinlich bereits um 1595 war die Anlage fertig.
Sie wurde als „Rothenburger Neue Wasserkunst“ bezeichnet.
Der Begriff „Wasserkunst“ hatte damals nichts mit Kunst im heutigen Sinn zu tun. Gemeint war eine technische Anlage, mit der Wasser gehoben, geleitet und verteilt wurde.
Und die Aufgabe in Rothenburg war außergewöhnlich: Wasser aus dem Taubergrund musste viele Dutzend Meter nach oben bis auf das Niveau der Stadt gebracht werden.

*Von der Bronnenmühle im Taubertal führte eine Druckleitung hinauf zum Klingenturm. Die Tauber lieferte dabei die Energie – das geförderte Trinkwasser stammte aus Quellen im Taubergrund.*
Rund 350 Meter Leitung – steil bergauf
Von der Bronnenmühle aus musste das Wasser nun den eigentlichen Höhenunterschied überwinden.
Dazu führte eine ungefähr 350 Meter lange Bleileitung den Hang hinauf zum Klingenturm.
Bei der genauen Förderhöhe unterscheiden sich die überlieferten Angaben etwas. Der Förderverein Taubermühlenweg nennt ungefähr 80 Meter, eine neuere Denkmaldokumentation spricht von etwa 92 Metern.
Für die historische Einordnung lässt sich daher sinnvoll von ungefähr 80 bis 90 Metern Höhenunterschied sprechen.
Das klingt zunächst vielleicht nicht spektakulär.
Technisch ist es das aber.
Denn je höher Wasser gepumpt werden soll, desto größer wird der notwendige Druck. Leitungen, Verbindungen und Pumpen mussten diesen Belastungen dauerhaft standhalten – und das Ende des 16. Jahrhunderts.
Der Förderverein Taubermühlenweg bezeichnet die Anlage wegen dieser Förderhöhe als zu ihrer Zeit im süddeutschen Raum außergewöhnlich.
Nicht die Tauber wurde hinaufgepumpt
Hier lohnt sich eine wichtige Unterscheidung.
Die Tauber spielte eine entscheidende Rolle bei der Wasserversorgung – allerdings vor allem als Energiequelle.
Das Trinkwasser wurde nach den verfügbaren Beschreibungen aus Quellen im Taubergrund gewonnen. Die Wasserkraft der Tauber beziehungsweise der Mühlbäche setzte dagegen das große Wasserrad in Bewegung, das anschließend die Pumpen antrieb.
Damit entstand eine erstaunlich moderne Energiekette:
fließendes Wasser → Wasserrad → mechanische Bewegung → Pumpen → Druckleitung → Hochbehälter → Schwerkraft
Heute würden wir darin sofort ein technisches Versorgungssystem erkennen. Ende des 16. Jahrhunderts war es eine bemerkenswerte Ingenieurleistung.
Ein Wasserrad von rund acht Metern
Das Herz der Anlage befand sich bei der Bronnenmühle im Taubertal.
Dort arbeitete ein Wasserrad mit einem Durchmesser von ungefähr acht Metern. Seine Drehbewegung lieferte die Energie für ein Pumpwerk mit vier Pumpenzylindern.

Das Prinzip ist vergleichbar mit einer Kolbenpumpe.
Ein Kolben bewegt sich innerhalb eines Zylinders. Beim einen Hub wird Wasser angesaugt, beim nächsten in die Druckleitung gepresst. Ventile sorgen dafür, dass das Wasser nur in die gewünschte Richtung fließen kann.
Mehrere Pumpenzylinder konnten dabei nacheinander arbeiten und so kontinuierlich Wasser in die Leitung drücken.
Die genaue historische Konstruktion des ursprünglichen Rothenburger Antriebs ist in den uns bislang vorliegenden Quellen nicht vollständig dokumentiert. Unsere technische Darstellung zeigt deshalb das Funktionsprinzip, nicht einen bis ins letzte Bauteil gesicherten Bauplan der Maschine.
*Das Wasserrad erzeugt eine Drehbewegung. Über Welle und Gestänge wird daraus eine Hubbewegung der Pumpen. Die Zylinder saugen Quellwasser an und drücken es anschließend in die Leitung zum Klingenturm.*
Der Klingenturm war gleichzeitig Wasserturm
Oben angekommen, endete die Druckleitung nicht einfach an einem Brunnen.
Das Wasser wurde zunächst in einem Hochbehälter im Klingenturm gesammelt.
Damit bekam eines der Rothenburger Stadttore eine zweite, völlig andere Funktion.
Der Klingenturm gehörte zur Verteidigungsanlage der Stadt – gleichzeitig wurde er Teil ihrer technischen Infrastruktur.
Und der Standort war ideal.

Denn sobald das Wasser den höchsten Punkt des Systems erreicht hatte, war für seine weitere Verteilung kaum noch mechanische Energie notwendig.
Jetzt übernahm die Schwerkraft.
Von oben floss das Wasser durch die Stadt
Vom Klingenturm führte ein aus zwei Strängen bestehendes Leitungssystem zu insgesamt acht städtischen Brunnen.
Das Wasser wurde dabei jeweils zum nächst tiefer gelegenen Brunnen weitergeführt. Die natürliche Höhenlage der Straßen und Plätze wurde damit Bestandteil des Versorgungssystems.
Eine offizielle Rothenburger Beschreibung nennt ausdrücklich die Weiterleitung vom Klingenturm zum Kapellenplatz und in die Herrngasse.
Der Herrnbrunnen in der Herrngasse passt zeitlich besonders gut zu dieser Entwicklung: Seine Inschrift datiert ihn auf 1595 – genau in die Zeit, in der die Neue Wasserkunst entstand.
Auch große ältere Brunnen konnten Teil der städtischen Wasserversorgung sein. Der St.-Georgs- beziehungsweise Herterichsbrunnen auf dem Marktplatz wurde bereits 1446 erbaut und besitzt ein Fassungsvermögen von rund 100.000 Litern.
Ein Wasserturm ohne moderne Technik
Das Prinzip hinter der Rothenburger Anlage ist bis heute vertraut.
Auch moderne Wasserversorgung arbeitet häufig mit hoch gelegenen Wasserbehältern.
Das Wasser wird zunächst auf ein erhöhtes Niveau gebracht. Anschließend erzeugt der Höhenunterschied den notwendigen Druck im Leitungsnetz.
Genau diesen Effekt nutzte Rothenburg bereits vor mehr als 400 Jahren:
Unten wurde gepumpt. Oben wurde gespeichert. Danach erledigte die Schwerkraft den Rest.
Gerade deshalb ist der Klingenturm technisch so interessant. Er war nicht nur Tor, Wehrturm und Bestandteil der Stadtbefestigung – sondern zeitweise auch das Herzstück der Wasserversorgung.
Die Anlage wurde immer wieder modernisiert
Die Wasserkunst blieb keineswegs unverändert.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Technik erheblich modernisiert. Die Nürnberger Firma Cramer-Klett errichtete ein neues gusseisernes Pumpwerk. Nach einer Denkmaldokumentation ist diese Technik noch heute im Pumpenhaus erhalten.
Dadurch konnte die geförderte Wassermenge erhöht werden.
Der Förderverein Taubermühlenweg nennt für 1853 außerdem den Einbau einer Turbine.
Später entstand noch ein weiteres Versorgungssystem: Ab etwa 1875 wurde über einen unterirdischen Kanal Wasser von der Frankenhöhe in die Stadt geleitet.
Dieses System blieb bis zum Anschluss Rothenburgs an die Fernwasserversorgung im Jahr 1953 in Betrieb.
Der Pumpbetrieb an der Bronnenmühle endete ungefähr um 1950.
Eine Stadt funktioniert nur, wenn ihre Versorgung funktioniert
Wenn man heute durch Rothenburg geht, fallen zuerst Mauern, Türme, Kirchen und Fachwerkhäuser auf.
Doch eine Stadt bestand schon damals aus sehr viel mehr.
Menschen benötigten Trinkwasser. Tiere mussten versorgt werden. Handwerker brauchten Wasser für ihre Arbeit. Bei Bränden mussten große Mengen möglichst schnell verfügbar sein.
Und all dieses Wasser musste in einer Stadt bereitstehen, die hoch über ihrem natürlichen Wasserlauf lag.
Die Rothenburger Wasserkunst zeigt deshalb eine andere Seite der historischen Stadt:
Rothenburg war nicht nur gebaut – Rothenburg musste funktionieren.
Hinter den sichtbaren Mauern existierte ein Versorgungssystem aus Wasserkraft, Maschinen, Leitungen, Hochbehältern und Brunnen.
Und vielleicht ist genau das die faszinierendste Vorstellung:
Während unten im Taubertal ein großes Wasserrad langsam seine Runden drehte, arbeiteten die Pumpen ununterbrochen. Meter für Meter wurde Quellwasser den Hang hinaufgedrückt, bis es den Klingenturm erreichte.
Von dort begann seine Reise durch die Straßen Rothenburgs – ganz ohne weitere Maschine, nur noch der Schwerkraft folgend.