Ort

Das Galgentor und der Galgenturm

Das Galgentor gehört zu den großen Zugängen der Rothenburger Altstadt und trägt einen Namen, der unmittelbar an die weniger romantische Seite der Stadtgeschichte erinnert. Eigentlich heißt die Anlage Würzburger Tor. Den heute gebräuchlichen Namen Galgentor erhielt sie durch den Galgen, der früher unmittelbar außerhalb der Stadt auf der sogenannten Köpfleinswiese stand.

Wer heute durch das Tor die Stadt betritt, kommt an einem Ort vorbei, an dem mittelalterliche Stadtbefestigung und historische Gerichtsbarkeit unmittelbar aufeinandertrafen.

Würzburger Tor oder Galgentor?

Beide Namen bezeichnen dieselbe Toranlage.

Historisch wird das Tor als Würzburger Tor bezeichnet. Der zweite Name Galgentor entstand durch den Hinrichtungsplatz außerhalb der Stadtmauer.

Auf der unmittelbar vor dem Tor gelegenen Köpfleinswiese stand der städtische Galgen.

Damit hatte der Standort eine besondere symbolische Wirkung.

Wer sich der Stadt von dieser Seite näherte, sah nicht nur Mauern und einen mächtigen Torturm. Vor den Toren wurde gleichzeitig sichtbar, dass Rothenburg über eine eigene Gerichtsbarkeit verfügte und seine Urteile auch vollstreckte.

Rothenburg besaß seit 1368 die Blutgerichtsbarkeit. Damit durfte die Stadt bei schweren Straftaten auch Urteile verhängen, die mit körperlichen Strafen oder dem Tod endeten. Der Bereich vor dem Galgentor gehörte zu den Orten, an denen solche Urteile vollstreckt wurden.

Dass Hinrichtungsstätten außerhalb der Stadtmauern lagen, hatte dabei nicht nur praktische Gründe.

Der Galgen war weithin sichtbar und besaß eine abschreckende Wirkung. Wer sich Rothenburg näherte, konnte bereits vor dem Betreten der Stadt erkennen, dass hier eine Obrigkeit herrschte, die über weitreichende gerichtliche Befugnisse verfügte.

Heute erinnert an dieser Stelle kaum noch etwas an diese düstere Funktion.

Der Name Galgentor hat sie jedoch bis heute bewahrt.

Der Galgentorturm

Der mächtige Torturm entstand wahrscheinlich um 1388 und gehört damit zur Erweiterung der äußeren Rothenburger Stadtbefestigung im späten 14. Jahrhundert.

Der quadratische Turm besitzt:

  • einen massiven steinernen Unterbau
  • markante Buckelquader an den Gebäudekanten
  • eine Rundbogendurchfahrt
  • mehrere Geschosse
  • ein weit sichtbares Pyramidendach

Das heutige Erscheinungsbild entstand allerdings über mehrere Jahrhunderte.

Im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts wurde der Turm um ein weiteres Geschoss erhöht und erhielt sein heutiges Pyramidendach. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde er nach 1945 wiederaufgebaut.

Der Galgentorturm zeigt damit wie viele Bauwerke Rothenburgs mehrere historische Zeitschichten gleichzeitig.

Das vorgelagerte Torwerk

Vor dem eigentlichen Torturm befindet sich noch heute ein zusätzliches Vorwerk.

Diese längliche Torbarbakane besitzt einen Innenhof, einen Torbogen und zwei kleine Erkertürmchen. Ihr heutiger Ausbau wird auf 1620 datiert, wobei ältere Bauteile in die Anlage integriert wurden.

Auch hier zeigt sich das Prinzip, das wir bereits am Rödertor kennengelernt haben:

Ein Stadttor war nicht einfach nur ein Loch in der Stadtmauer.

Wer die Stadt erreichen wollte, musste mehrere kontrollierbare Bereiche passieren.

  • zunächst das vorgelagerte Tor
  • anschließend den geschützten Bereich des Vorwerks
  • danach den eigentlichen Torturm
  • erst dann führte der Weg in die Stadt

Damit konnten Zugänge besser überwacht und im Verteidigungsfall wesentlich wirksamer gesichert werden.

Die ehemalige Bastion

Die Galgentoranlage war ursprünglich noch umfangreicher als das, was Besucher heute sehen.

Vor dem Tor befand sich eine Bastion, die heute nicht mehr erhalten ist. Sie gehört zu jenen Teilen der Rothenburger Befestigungsanlagen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts verloren gingen.

Das ist für das Verständnis des Tores wichtig.

Wer heute vor dem Galgentor steht, sieht also nicht mehr die vollständige historische Verteidigungsanlage.

Erhalten geblieben sind insbesondere:

  • Galgentorturm
  • Torbarbakane beziehungsweise Vorwerk
  • Teile des Zwingers
  • angrenzende Stadtmauer
  • ehemalige Grabenbereiche

Die eigentliche Bastion muss man sich hinzudenken.

Stadtmauer und Zwinger

Gerade rund um das Galgentor lässt sich die Struktur der Rothenburger Stadtbefestigung besonders gut betrachten.

Im Abschnitt vom Klingentor bis zum Galgentor ist die Stadtmauer weitgehend in voller Höhe mit begehbarem Wehrgang erhalten. Auch in Richtung Rödertor setzt sich die Mauer mit Wehrgang, Mauertürmen, Streichwehren und Zwinger fort.

Damit liegt das Galgentor an einem besonders interessanten Punkt unserer Stadtmauer-Tour.

Hier treffen zwei längere, gut erhaltene Abschnitte der Befestigung aufeinander.

Was ist eigentlich ein Zwinger?

Zwischen verschiedenen Mauern einer Befestigungsanlage befand sich häufig ein zusätzlicher schmaler Bereich – der sogenannte Zwinger.

Ein Angreifer, der eine äußere Befestigung überwunden hatte, befand sich dadurch noch lange nicht innerhalb der Stadt.

Stattdessen musste er sich durch einen begrenzten Raum bewegen, der von weiteren Verteidigungsstellungen kontrolliert werden konnte.

Am Galgentor und entlang der angrenzenden Stadtmauer lassen sich solche Bereiche noch heute erkennen.

Wer von außen an der Befestigung entlanggeht, sollte deshalb nicht nur auf die hohe Hauptmauer schauen, sondern auch auf die niedrigeren Mauern und die Räume dazwischen.

Der ehemalige Stadtgraben

Auch der Stadtgraben gehörte zur mehrstufigen Verteidigung.

Zwischen Galgentor und Klingentor sind Bereiche des ehemaligen Wassergrabens noch im Gelände nachvollziehbar. Nördlich des sogenannten Kummerecks sind Zwinger und ehemaliger Wassergraben heute sogar auf öffentlichen Wegen zugänglich.

An anderen Stellen der östlichen Befestigung wurde der ehemalige Graben später verfüllt.

Gerade deshalb lohnt es sich, während der Stadtmauer-Tour immer wieder zwischen der Innen- und Außenseite der Befestigung zu wechseln.

Ein weniger romantisches Kapitel Rothenburgs

Das Galgentor passt auf den ersten Blick vielleicht nicht zu dem romantischen Bild, für das Rothenburg heute bekannt ist.

Gerade deshalb gehört seine Geschichte für uns unbedingt dazu.

Eine mittelalterliche und frühneuzeitliche Stadt bestand nicht nur aus:

  • Fachwerkhäusern
  • Kirchen
  • Märkten
  • Handwerk
  • Stadtmauern

Sie besaß auch:

  • Gerichte
  • Gefängnisse
  • Strafen
  • Hinrichtungsstätten
  • eine Obrigkeit, die ihre Herrschaft öffentlich demonstrierte

Das Galgentor verbindet beide Welten miteinander.

Auf der einen Seite steht die beeindruckende historische Stadtbefestigung.

Auf der anderen Seite erinnert sein Name daran, dass das Leben hinter diesen Mauern keineswegs immer romantisch war.

Fototipp

Das Galgentor ist fotografisch interessanter, als es auf den ersten Blick wirkt.

Besonders lohnenswert sind:

  • die gesamte Anlage von außerhalb der Stadt
  • Torturm und Vorwerk gemeinsam
  • der Blick durch den Torbogen in die Galgengasse
  • die beiden kleinen Erkertürme des Vorwerks
  • Perspektiven vom Wehrgang auf den Torturm
  • der Blick entlang der Stadtmauer in Richtung Klingentor
  • der Blick entlang der Befestigung in Richtung Rödertor
  • Aufnahmen aus dem Bereich des ehemaligen Zwingers
  • Details der Buckelquader am Torturm
  • In den frühen Morgenstunden wird das Galgentor vom Licht der aufgehenden Sonne angestrahlt. Dann kommt die Fassade besonders schön zur Geltung – ideal für stimmungsvolle Aufnahmen, noch dazu zu einer Zeit, in der rund um das Tor meist deutlich weniger los ist.

Besonders interessant ist der Blick von außen durch das Tor in die Altstadt.

Hier lässt sich der Kontrast zwischen der massiven Befestigungsanlage und der dahinter beginnenden Bebauung der Galgengasse sehr schön zeigen.

Gut zu wissen

Das Galgentor liegt direkt an unserer Stadtmauer-Tour und eignet sich sehr gut als Orientierungspunkt zwischen den Abschnitten:

  • Klingentor → Galgentor
  • Galgentor → Rödertor

Auf beiden Seiten befinden sich längere erhaltene Abschnitte der Stadtmauer mit begehbarem Wehrgang.

Direkt außerhalb des Tores liegt heute der Bereich der ehemaligen Köpfleinswiese. Wer dort steht, sollte sich bewusst machen, dass sich die Umgebung früher vollkommen anders präsentierte.

Wo heute Straßen, Grünflächen und moderne Infrastruktur liegen, befand sich einst außerhalb der schützenden Stadtmauer der Rothenburger Hinrichtungsplatz.

Unser Tipp: Gehen Sie ein Stück vor das Galgentor und betrachten Sie die Anlage von außen. Von dort lässt sich wesentlich besser erkennen, wie Torturm, Vorwerk, Stadtmauer und die ehemaligen vorgelagerten Befestigungen zusammenspielten.

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