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Alt-Rothenburger Handwerkerhaus
Wer wissen möchte, wie das Leben hinter den schönen Fassaden Rothenburgs tatsächlich aussah, findet im Alt-Rothenburger Handwerkerhaus einen der interessantesten Orte der Stadt. Niedrige Räume, knarrende Holzböden, eine Küche mit offenem Feuer, Werkstätten, Schlafkammern und Vorratsräume vermitteln einen Eindruck davon, wie Handwerkerfamilien über viele Generationen hinweg lebten und arbeiteten.
Wie die Menschen wirklich lebten
Das kleine Haus am Alten Stadtgraben 26, nur wenige Schritte vom Markusturm entfernt, besitzt außergewöhnlich viel historische Bausubstanz. Gerade weil es lange Zeit kaum modernisiert wurde, blieb vieles erhalten, was in anderen Häusern längst verschwunden ist. Heute können Besucher elf eingerichtete Räume und Kammern vom Erdgeschoss bis unter das Dach entdecken.
Ein Haus mit mehr als 600 Jahren Geschichte
Das Handwerkerhaus stammt aus dem späten Mittelalter.
Bei der Datierung findet man allerdings unterschiedliche Angaben. Ältere und touristische Veröffentlichungen nennen häufig das Jahr 1270. Die aktuelle Bayerische Denkmalliste führt das Gebäude dagegen als dendrochronologisch um 1370 datiert; ein größerer Umbau wurde auf 1534 datiert. Auch eine bei der Restaurierung vorgenommene Untersuchung ergab, dass verwendetes Bauholz um 1370 geschlagen wurde.
Damit gehört das Haus trotzdem zu den außergewöhnlich alten erhaltenen Wohn- und Handwerkergebäuden Rothenburgs.
Seine Lage ist ebenfalls interessant: Der Alte Stadtgraben erinnert noch heute daran, dass hier einst der erste Befestigungsring Rothenburgs verlief. Nach der Erweiterung der Stadt wurde der alte Graben nach und nach verfüllt und bebaut.
Wohnen und arbeiten unter einem Dach
Heute trennen wir Wohnen und Arbeiten häufig voneinander.
Für viele Handwerker früherer Jahrhunderte war das anders.
Das Haus war gleichzeitig:
- Wohnung
- Werkstatt
- Lager
- Küche
- Schlafplatz
- Vorratsraum
- Arbeitsplatz für Familienmitglieder und Gesellen
Das tägliche Leben spielte sich damit auf sehr engem Raum ab.
Auch Ehefrau und Kinder waren in vielen Handwerkerhaushalten unmittelbar an Produktion, Verarbeitung oder Vorbereitung beteiligt.
Das Haus war nicht nur der Ort, an dem man nach Feierabend lebte.
Das Haus war der Mittelpunkt des gesamten wirtschaftlichen und familiären Lebens.
Viele verschiedene Handwerker lebten hier
Über mehrere Jahrhunderte wechselten die Bewohner und damit auch die Gewerke.
Nach den Unterlagen des Museums lebten und arbeiteten hier unter anderem:
- Büttner beziehungsweise Fassmacher
- Schwarzfärber
- Weber
- Schuhmacher
- Kesselflicker
- Töpfer
- Korbmacher
- Seifensieder
- Pflasterer
- Zinngießer
- Maurer
Besonders lange soll das Haus zunächst von Büttnern und später von Schwarzfärbern genutzt worden sein. Danach folgten unter anderem Weber und Schuhmacher.
Damit erzählt das Gebäude nicht das Leben eines einzigen mittelalterlichen Handwerkers, sondern die Geschichte unterschiedlicher Bewohner über viele Generationen.
Elf Räume – und erstaunlich wenig Platz
Das Museum umfasst elf eingerichtete Räume und Kammern.
Dabei fällt sofort auf, wie klein viele Räume sind.
Zu sehen sind unter anderem:
- eine Handwerkerwerkstatt
- Küche
- Speisekammer
- Wohnstube
- „gute Stube“
- Schlafkammern
- Kinderkammer
- Altenteil
- Gesellenkammer unter dem Dach
- Vorrats- und Arbeitsbereiche
Die Räume sind museal eingerichtet, die eigentliche Besonderheit besteht jedoch in der historischen Gebäudesubstanz.
Niedrige Decken, krumme Wände, Balkenkonstruktionen und enge Treppen vermitteln einen wesentlich unmittelbareren Eindruck historischen Wohnens als ein moderner Museumsraum mit einigen ausgestellten Gegenständen.
Die Küche – Feuer mitten im Haus
Besonders interessant ist die historische Küche. Hier befindet sich ein alter Steinherd mit offenem Kamin.
Gekocht wurde über offenem Feuer. Holz wurde unmittelbar beim Herd gelagert, Rauch, Wärme und Ruß gehörten zum täglichen Leben.
Schon die Zubereitung einer einfachen Mahlzeit bedeutete erheblich mehr Arbeit als heute.
Feuer musste erhalten oder neu entzündet, Brennholz beschafft und Wasser herangetragen beziehungsweise aus dem eigenen Brunnen geholt werden.
Ein eigener Brunnen im Haus
Eine Besonderheit des Handwerkerhauses ist ein Brunnen direkt im Gebäude.
Nach Angaben des Museums reicht er etwa 14,5 Meter tief hinab und soll bereits um 1400 dokumentiert gewesen sein. Wasser wurde mit einem Eimer über eine Holzrolle nach oben gezogen.
Das zeigt sehr anschaulich, welche Bedeutung die Wasserversorgung für einen Haushalt hatte.
Die Wohnstube
Die Wohnstube war einer der wichtigsten Räume des Hauses.
Hier kam die Familie zusammen.
Ein Kachelofen sorgte zumindest in diesem Bereich für Wärme. Teile des historischen Ofens beziehungsweise seiner Kacheln werden vom Museum auf die Zeit vor 1400 datiert.
Gerade im Winter konzentrierte sich das Leben deshalb häufig rund um den beheizbaren Raum.
Andere Räume des Hauses waren dagegen keineswegs selbstverständlich beheizt.
Licht war kostbar
Auch künstliches Licht war nicht einfach verfügbar.
Wenn es draußen dunkel wurde, standen hauptsächlich:
- Kerzen
- Öllampen
- später Petroleumlicht
zur Verfügung.
Eine interessante Lösung zeigt die sogenannte Schusterkugel.
Dabei handelt es sich um eine mit Wasser gefüllte Glaskugel. Sie bündelte das Licht einer Kerze oder Lampe auf einen bestimmten Arbeitsbereich, sodass der Schuhmacher feine Arbeiten besser erkennen konnte.
Ein simples Prinzip – aber ein gutes Beispiel dafür, wie Menschen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln praktische Probleme lösten.
Die Schusterwerkstatt
Im Erdgeschoss befindet sich eine vollständig eingerichtete Schusterwerkstatt.
Die heute ausgestellte Werkstatteinrichtung stammt allerdings aus dem 19. Jahrhundert und ist damit wesentlich jünger als das Haus selbst.
Das ist eine wichtige Unterscheidung:
Das Gebäude zeigt mehrere Jahrhunderte Handwerks- und Alltagsgeschichte und ist keine eingefrorene Momentaufnahme eines einzigen Jahres im Mittelalter.
Gerade dadurch wird sichtbar, wie ein solches Haus immer wieder von neuen Generationen und unterschiedlichen Handwerkern genutzt wurde.
Schlafen auf engem Raum
Auch die Schlafräume zeigen deutlich, wie anders Wohnverhältnisse früher waren.
Eigene Schlafzimmer für jedes Familienmitglied waren für einfache Handwerkerfamilien undenkbar.
Unter dem Dach befand sich außerdem die Unterkunft für Gesellen beziehungsweise Handwerkerburschen.
Damit lebten nicht unbedingt nur Eltern und Kinder unter einem Dach. Auch Beschäftigte konnten Teil des Haushalts sein.
Das Altenteil
Interessant ist außerdem das sogenannte Altenteil.
Ältere Familienmitglieder verschwanden nicht in eine separate Pflegeeinrichtung.
Wenn die nächste Generation Haus und Handwerksbetrieb übernahm, blieben die Eltern oder Großeltern häufig weiterhin im selben Gebäude wohnen.
Für sie gab es einen eigenen, meist kleinen Wohnbereich.
Damit lebten mehrere Generationen auf engem Raum miteinander.
Warum ist im Haus so viel erhalten geblieben?
Gerade dieser Punkt macht das Handwerkerhaus besonders.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden viele alte Häuser Rothenburgs modernisiert.
Das war für die Bewohner natürlich eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität – bedeutete aber gleichzeitig den Verlust alter Innenräume.
Beim Handwerkerhaus verlief die Entwicklung anders.
Über längere Zeit wurde das Gebäude von einem zurückgezogen lebenden Bewohner genutzt, der auf viele moderne Einrichtungen verzichtete. Dadurch blieb ungewöhnlich viel alte Bausubstanz erhalten. Auch der Rothenburg Tourismus Service hebt genau diesen Umstand als Grund für den besonderen Erhaltungszustand hervor.
Was für den damaligen Bewohner schlicht seine Lebensweise war, erwies sich später aus Sicht des Denkmalschutzes als Glücksfall.
Beinahe wäre das Haus verschwunden
Dass Besucher das Gebäude heute besichtigen können, war keineswegs selbstverständlich.
1972 kaufte Otto Berger das damals stark heruntergekommene Haus.
Ursprünglich bestand sogar die Überlegung, große Teile abzureißen und das Grundstück anders zu nutzen.
Ein Historiker machte jedoch auf den außergewöhnlichen historischen Wert des Gebäudes aufmerksam und regte weitere Untersuchungen an. Daraufhin entschied sich Berger, das Haus zu erhalten.
Es folgte eine aufwendige Sanierung.
Seine Frau Marianne Berger entwickelte schließlich die Idee, aus dem Haus ein Museum zu machen, und beschäftigte sich intensiv mit historischen Wohnkulturen und der Einrichtung der Räume.
Am 3. Juni 1976 wurde das Museum eröffnet. Die Bayerische Denkmalliste führt das Gebäude seit 1977 als Handwerkermuseum.
Kein Palast – sondern das Leben gewöhnlicher Menschen
Gerade darin liegt für uns die besondere Bedeutung dieses Museums.
In vielen historischen Städten besuchen wir:
- Burgen
- Rathäuser
- Kirchen
- Patrizierhäuser
- repräsentative Gebäude
Dadurch erfahren wir viel über Herrscher, Geistliche und wohlhabende Bürger.
Doch der größte Teil der Bevölkerung lebte vollkommen anders.
Das Handwerkerhaus erzählt vom Leben jener Menschen, die:
- Schuhe herstellten
- Fässer bauten
- Stoffe färbten
- webten
- reparierten
- produzierten
- ihre Familien ernährten
und damit den Alltag einer Stadt überhaupt erst ermöglichten.
Es zeigt nicht das Rothenburg der Mächtigen – sondern das Rothenburg der Menschen, die dort jeden Tag gearbeitet haben.
Auch für Familien interessant
Gerade für Kinder kann das Handwerkerhaus anschaulicher sein als ein klassisches Museum.
Viele Unterschiede zum heutigen Alltag sind unmittelbar verständlich:
- Wo kam das Wasser her?
- Wie wurde gekocht?
- Wie machte man Licht?
- Wo schliefen die Kinder?
- Wo befand sich die Toilette?
- Wie wurde im Winter geheizt?
- Wie arbeitete ein Schuster?
- Wo bewahrte man Lebensmittel auf?
Damit lassen sich historische Lebensbedingungen wesentlich leichter erklären als allein über Jahreszahlen und Texttafeln.
Walburgas Zeitreise
Eine besondere Möglichkeit, das Handwerkerhaus kennenzulernen, bietet die Führung „Walburgas Zeitreise“.
Dabei führt die Figur Walburga Besucher zunächst durch Rothenburg und anschließend in das Handwerkerhaus. Die Führung versetzt die Teilnehmer in das 16. Jahrhundert und erzählt mit historischen Themen und Humor vom damaligen Alltag.
Für Besucher, die Geschichte lieber über Geschichten und konkrete Situationen erleben als über reine Informationstexte, kann das eine interessante Alternative zum normalen Museumsbesuch sein.
Direkt beim Markusturm
Das Handwerkerhaus befindet sich am:
Alter Stadtgraben 26
und liegt nur wenige Schritte vom Markusturm und Röderbogen entfernt.
Damit lässt sich der Besuch sehr gut mit einem Rundgang durch den östlichen Teil der Altstadt verbinden.
Gerade der Straßenname Alter Stadtgraben ist dabei interessant, denn er erinnert an den Verlauf der ersten Stadtbefestigung Rothenburgs.
Gut zu wissen
Das Handwerkerhaus ist ein historisches Gebäude und entsprechend eng.
Besucher sollten mit:
- niedrigen Decken
- schmalen Treppen
- kleinen Räumen
- unebenen Böden
rechnen.
Eine vollständige barrierefreie Erschließung eines solchen Hauses ist entsprechend schwierig.
Unser Tipp
Wer nur die großen Sehenswürdigkeiten Rothenburgs besucht, sieht vor allem die äußere Hülle der historischen Stadt.
Im Handwerkerhaus bekommt man dagegen einen Eindruck davon, was sich hinter diesen Fassaden abgespielt hat.
Das Alt-Rothenburger Handwerkerhaus gehört deshalb zu den Orten, die Rothenburg nicht nur zeigen – sondern erklären.