Ort
Der Kapellenplatz
Der Kapellenplatz gehörte im Mittelalter zum Zentrum der ersten jüdischen Gemeinde Rothenburgs. Hier standen eine Synagoge und eine bedeutende Talmudschule, an der Rabbi Meir ben Baruch von Rothenburg lehrte. Nach den Verfolgungen des 14. Jahrhunderts wurde die Synagoge zur Marienkapelle umgebaut – von ihr erhielt der Platz seinen heutigen Namen.
Zentrum des ersten jüdischen Viertels
Die Geschichte des Kapellenplatzes reicht weit in das mittelalterliche Rothenburg zurück. Um 1180 lassen sich die ersten jüdischen Bewohner der Stadt nachweisen. Im Bereich des heutigen Platzes entwickelte sich anschließend eines der bedeutendsten jüdischen Viertel Süddeutschlands.
Hier befanden sich nicht nur Wohnhäuser, sondern auch die zentralen Einrichtungen der Gemeinde: eine Synagoge, eine Talmudschule, ein Festsaal und eine Mikwe, das jüdische Ritualbad. Der Verein Alt-Rothenburg beschreibt zudem eine zweigeschossige Talmudschule mit 21 Räumen und einem Lehrsaal.
Der zugehörige jüdische Friedhof lag außerhalb der damaligen Stadtbefestigung auf dem Gelände des heutigen Schrannenplatzes.
Rabbi Meir von Rothenburg
Besondere Bedeutung erhielt das jüdische Rothenburg durch Rabbi Meir ben Baruch, der im 13. Jahrhundert mehr als vier Jahrzehnte in der Stadt wirkte.
Meir von Rothenburg gehörte zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten seiner Zeit. Seine Jeschiwa am Kapellenplatz zog Schüler aus verschiedenen Teilen Europas an und machte Rothenburg zu einem überregional bekannten Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.
Heute erinnert eine Bronzetafel am Kapellenplatz 5 an ihn und seine Talmudschule.
Verfolgung und Zerstörung der Gemeinde
Die jüdische Gemeinde wurde mehrfach Opfer von Verfolgungen. Besonders schwer waren das Rintfleisch-Pogrom von 1298 sowie die Pestverfolgungen von 1348/49.
Nach der Verfolgung von 1349 fiel auch das Eigentum der jüdischen Gemeinde am Kapellenplatz an die Stadt. Später entstand im Norden Rothenburgs rund um die heutige Judengasse eine neue jüdische Gemeinde.
Damit verlor der Kapellenplatz seine ursprüngliche Funktion als Zentrum des jüdischen Lebens.
Aus der Synagoge wird eine Marienkapelle
1404 verkaufte die Stadt die ehemalige Synagoge an einen Rothenburger Patrizier. 1406/07 wurde das Gebäude zur Marienkapelle umgebaut.
Genau von dieser Kapelle leitet sich der heutige Name Kapellenplatz ab. Wesentliche Teile des ehemaligen Synagogengebäudes blieben beim Umbau offenbar erhalten; ergänzt wurde unter anderem eine gotische Apsis.
Mit der Säkularisation wurde die Marienkapelle um 1805 abgebrochen. Danach war im Stadtbild nicht mehr erkennbar, wo die mittelalterliche Synagoge genau gestanden hatte.
Die Wiederentdeckung der Synagoge 2025
Eine der wichtigsten neueren archäologischen Entdeckungen Rothenburgs erfolgte 2025 direkt auf dem Kapellenplatz.
Im Zuge der Neugestaltung des Platzes wurden massive Kalksteinfundamente freigelegt. Lage, Bauweise, Ausrichtung und Eingangssituation stimmen so genau mit historischen Darstellungen überein, dass das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und die Stadt davon ausgehen, hier mit hoher Wahrscheinlichkeit die Fundamente der ersten Rothenburger Synagoge gefunden zu haben.
Die Untersuchungen zeigen, dass es sich um einen großen freistehenden romanischen Saalbau handelte. Damit wird auch archäologisch sichtbar, welche Bedeutung die jüdische Gemeinde für das mittelalterliche Rothenburg besaß.
Nicht die gesamte Anlage wurde ausgegraben. Die übrigen Fundamente bleiben als geschütztes Bodendenkmal unter dem Platz erhalten.
Besonders wichtig für Besucher: Die Struktur des ehemaligen Gebäudes soll beziehungsweise wird im neuen Pflaster des Kapellenplatzes sichtbar nachvollziehbar gemacht. Dadurch bleibt die Lage der verschwundenen Synagoge oberirdisch erkennbar.
Das Seelhaus und der Seelbrunnen
Auch nach dem Ende des ersten jüdischen Viertels blieb der Platz sozial bedeutsam.
Aus der ehemaligen Talmudschule entstand später ein sogenanntes Seelhaus, das gegen Ende des 15. Jahrhunderts neu errichtet wurde. Es wurde auch als „Elenden Herberge“ bezeichnet und beherbergte eine christliche Laiengemeinschaft, die sich um Arme und Kranke kümmerte.
Daran erinnert der bis heute erhaltene Seelbrunnen am Kapellenplatz. Der Laufbrunnen mit ornamentiertem Steinbecken und einer weiblichen Brunnenfigur entstand nach 1600.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Auch die neuere Stadtgeschichte hinterließ am Kapellenplatz deutliche Spuren.
Beim amerikanischen Luftangriff auf Rothenburg am 31. März 1945 wurden die Häuser des Kapellenplatzes zerstört. Die heutige Randbebauung ist deshalb wesentlich vom Wiederaufbau der Nachkriegszeit geprägt. Historische Aufnahmen zeigen deutlich, wie stark sich das Erscheinungsbild des Platzes dadurch verändert hat.
Der Seelbrunnen blieb beziehungsweise wurde wieder zu einem wichtigen gestalterischen Mittelpunkt des Platzes.
Der Kapellenplatz heute
Heute ist der Kapellenplatz ein kleiner öffentlicher Platz mitten in der Rothenburger Altstadt. Seine eigentliche Bedeutung erschließt sich jedoch erst durch seine Geschichte.
An kaum einem anderen Ort Rothenburgs treffen so viele unterschiedliche historische Ebenen direkt aufeinander:
- mittelalterliches jüdisches Leben,
- die Gelehrsamkeit Rabbi Meirs,
- Verfolgung und Vertreibung,
- die Umwandlung der Synagoge in eine christliche Kapelle,
- mittelalterliche Armenfürsorge,
- die Zerstörung von 1945,
- Wiederaufbau und moderne Erinnerungskultur.
Durch die archäologischen Entdeckungen von 2025 ist der Kapellenplatz heute zugleich einer der wichtigsten Orte, um die mittelalterliche jüdische Geschichte Rothenburgs unmittelbar vor Ort zu verstehen.
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