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Klingentor, Klingenbastei und Klingenturm

Das Klingentor bildet den nördlichen Zugang zur Rothenburger Altstadt und gehört zu den am vollständigsten erhaltenen Befestigungsanlagen der Stadt. Hier treffen mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte auf engem Raum zusammen: mittelalterlicher Torturm, vorgelagerte Bastei, Stadtgraben, ehemaliger Zugbrückenzugang und eine Wehrkirche bilden gemeinsam eine ungewöhnlich komplexe Verteidigungsanlage.

Der nördliche Zugang zur Stadt

Das Klingentor sicherte den Zugang nach Rothenburg von Norden.

Der heute erhaltene Klingentorturm entstand gegen Ende des 14. Jahrhunderts und gehört damit zu jener Zeit, in der Rothenburg stark wuchs und seine äußere Stadtbefestigung erweitert wurde.

Wer heute durch das Tor in Richtung Klingengasse geht, passiert allerdings nur einen Teil einer wesentlich größeren historischen Anlage.

Zum Klingentor gehörten:

  • der eigentliche Klingentorturm
  • die vorgelagerte Klingenbastei
  • ein äußeres Vortor
  • der ehemalige Stadtgraben
  • eine steinerne Grabenbrücke
  • ursprünglich eine Zugbrücke
  • eine Torwache
  • Zwinger- und Wehrbereiche
  • die unmittelbar angrenzende St.-Wolfgangs-Kirche

Die gesamte Klingentoranlage mit Bastei und Kirche ist bis heute weitgehend beziehungsweise vollständig erhalten.

Die Klingenbastei

Wer sich dem Klingentor von außerhalb der Altstadt nähert, erkennt schnell, dass auch hier ein Stadttor nicht einfach aus einem einzigen Durchgang bestand.

Die Klingenbastei bildete eine vorgelagerte Verteidigungszone. Ihr bogenförmiger Bau besitzt zahlreiche Schießscharten, von denen aus der Bereich vor dem eigentlichen Stadttor kontrolliert werden konnte.

Der heute erhaltene Ausbau der Bastei stammt überwiegend aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das vorgelagerte Tor ist noch älter und wird auf etwa 1470/80 datiert.

Ein Angreifer stand damit zunächst vor der äußeren Befestigung und hatte selbst nach deren Überwindung das eigentliche Klingentor noch nicht erreicht.

Auch hier zeigt sich das Grundprinzip der Rothenburger Toranlagen:

Je näher man dem eigentlichen Zugang zur Stadt kam, desto stärker wurde die Bewegung kanalisiert und kontrollierbar.

Über den Stadtgraben zum Vortor

Vor der Klingenbastei führt eine zweibogige Steinbrücke über den ehemaligen Graben.

Die Brücke und das Vortor stammen aus der Zeit um 1470/80. Ursprünglich besaß die Anlage zusätzlich eine Zugbrücke.

Damit konnte der Zugang zur Stadt im Gefahrenfall vollständig unterbrochen werden.

Für Besucher lohnt es sich, an dieser Stelle einmal stehen zu bleiben und sich den heutigen Weg ohne die moderne Umgebung vorzustellen:

  • vor einem liegt der Graben
  • dahinter der kontrollierte Übergang
  • anschließend das Vortor
  • danach die Bastei
  • und erst dahinter der eigentliche Klingentorturm

Der Weg in die Stadt führte also durch mehrere hintereinanderliegende Verteidigungsbereiche.

Eine Kirche als Teil der Verteidigung

Eine Besonderheit der Klingentoranlage ist die unmittelbar angrenzende St.-Wolfgangs-Kirche.

Sie wurde nicht einfach zufällig neben der Stadtmauer errichtet, sondern in die Befestigungsanlage einbezogen. Unter beziehungsweise an der Kirche befinden sich Wehrbereiche und Kasematten, wodurch sakraler Bau und Verteidigungsanlage ungewöhnlich eng miteinander verbunden sind. Die offizielle Tourismusseite bezeichnet St. Wolfgang deshalb ausdrücklich als Wehrkirche und als Bestandteil der Klingentor-Bastei.

Auf die Geschichte und das Innere der Kirche gehen wir in einem eigenen Artikel ausführlicher ein.

Der Klingenturm

Über der Tordurchfahrt erhebt sich der mächtige Klingenturm.

Der quadratische Torturm stammt aus dem späten 14. Jahrhundert. Sein spitzbogiger Durchgang führte unmittelbar in die Stadt. Später wurde der Turm mehrfach verändert und erweitert. Die kleinen Erkertürmchen und die Laterne im oberen Bereich stammen aus dem 18. Jahrhundert.

Doch seine vielleicht interessanteste Besonderheit befindet sich beziehungsweise befand sich im Inneren des Turms.

Vom Wehrturm zum Wasserturm

Rothenburg besitzt ein offensichtliches Problem, wenn man die Stadt aus Sicht ihrer früheren Bewohner betrachtet:

Die Stadt liegt hoch über dem Taubertal – das Wasser befindet sich weit unten.

Eine ausreichende Wasserversorgung war deshalb für Bewohner, Handwerker, Tiere und besonders im Brandfall von großer Bedeutung.

Im Jahr 1594 erhielt der Klingenturm eine zusätzliche Funktion als Wasserturm. Im oberen Bereich wurde ein großer kupferner Wasserspeicher eingebaut.

Die dort gelegene Bronnenmühle nutzte die Kraft der Tauber, um Wasser über einen Höhenunterschied von ungefähr 80 Metern bis hinauf in den Wasserspeicher des Klingenturms zu fördern. Von dort konnte es für die Wasserversorgung der Stadt genutzt werden.

Damit erfüllte der Klingenturm zwei vollkommen unterschiedliche Aufgaben:

  • Schutz des nördlichen Stadtzugangs
  • Versorgung der Stadt mit Wasser

Gerade diese Kombination macht ihn unter den Rothenburger Tortürmen besonders interessant.

Verteidigung, Versorgung und Stadtentwicklung gehörten unmittelbar zusammen.

Die Klingenweth – Wasser direkt an der Stadtmauer

Unmittelbar beim Klingentor befand sich noch eine weitere wichtige Wasserreserve: die sogenannte Klingenweth.

Das um etwa 1600 angelegte gemauerte Becken war ein Löschwasserteich. Der Begriff „Weth“ bezeichnete einen solchen Wasserplatz, der unter anderem zur Brandbekämpfung und zur Versorgung von Pferden genutzt werden konnte.

Gerade in einer dicht bebauten Stadt, in der viele Gebäude aus Holz bestanden und in Häusern mit offenem Feuer gearbeitet wurde, war Feuer eine ständige Gefahr.

Die Klingenweth ergänzt deshalb die Geschichte des Klingenturms auf interessante Weise:

Rund um das Klingentor ging es nicht nur darum, Feinde draußen zu halten – hier befand sich zugleich wichtige Infrastruktur für die Wasserversorgung und den Brandschutz innerhalb der Stadt.

Das heutige Klingentor war nicht das erste

Ein Detail, das beim Spaziergang durch Rothenburg kaum noch zu erkennen ist: Das heutige Klingentor gehörte zur späteren äußeren Stadtbefestigung.

Weiter innerhalb der heutigen Altstadt befand sich ursprünglich ein älteres inneres Klingentor, das auch als Blauer Turm bezeichnet wurde.

Sein ehemaliger Standort liegt ungefähr im Bereich der heutigen Klingengasse 10. Eine Verengung im Straßenverlauf erinnert noch an die frühere Torsituation. Der ehemalige Stadtgraben hinter diesem inneren Tor wurde im Spätmittelalter verfüllt; auf einem Teil dieses Bereichs entstand die heutige Judengasse.

Daran lässt sich sehr gut erkennen, wie Rothenburg wuchs.

Was zunächst außerhalb der Stadtmauer lag, wurde mit der Erweiterung der Stadt Teil der Altstadt. Eine neue Befestigung musste weiter außen errichtet werden – und damit entstand auch das heutige Klingentor.

Das jüngste Viertel innerhalb der Altstadt

Auch das Gebiet hinter dem Klingentor erzählt etwas über das Wachstum Rothenburgs.

Das heutige Klingenviertel wurde erst ab etwa 1370 stärker in die Stadtentwicklung einbezogen und gilt als jüngster Bereich innerhalb der historischen Altstadt. Eine Besiedlung ist ab den 1370er-Jahren nachgewiesen.

Hier siedelten sich unter anderem Handwerker an, deren Tätigkeiten im dicht bebauten älteren Stadtkern störend sein konnten – etwa wegen Lärm, Feuer oder Gerüchen.

Wer durch das Klingentor in die Klingengasse geht, betritt deshalb einen Stadtbereich, der viel über die Erweiterung und Organisation einer wachsenden mittelalterlichen Stadt erzählen kann.

Woher kommt der Name Klingentor?

Der Name hat sehr wahrscheinlich nichts mit einer Schwertklinge zu tun.

Als „Klinge“ wurden regional enge, tief eingeschnittene Täler oder Schluchten bezeichnet. Vor dem Klingentor fällt das Gelände in Richtung Taubertal ab.

Der Name bezieht sich somit wahrscheinlich auf diese landschaftliche Situation. Für die genaue historische Herleitung existieren allerdings überwiegend sekundäre Quellen; deshalb sollte diese Erklärung als wahrscheinliche Namensherkunft verstanden werden.

Ein besonders guter Ort, um Stadtgeschichte zu verstehen

Fototipp

Das Klingentor bietet mehrere sehr unterschiedliche Fotomotive.

Besonders interessant sind:

  • der Klingenturm von außerhalb der Stadt
  • die Grabenbrücke mit dem Vortor
  • der Blick durch mehrere Teile der Toranlage
  • die Schießscharten der Klingenbastei
  • die Verbindung von Stadtmauer und St.-Wolfgangs-Kirche
  • der Blick aus der Klingengasse zurück auf den Turm
  • Perspektiven entlang der Stadtmauer in Richtung Klingenschütt
  • der besondere Blick vom Klingentor entlang der Klingengasse auf die St.-Jakobs-Kirche, die sich eindrucksvoll über den Häusern der Altstadt erhebt.

Ein besonders interessantes Motiv entsteht, wenn nicht nur der Turm allein fotografiert wird, sondern Bastei, Brücke und Tor gemeinsam im Bild sichtbar werden.

Dann lässt sich die Funktion der gesamten Anlage wesentlich besser erkennen.

Unser Tipp: Gehen Sie zunächst einige Meter vor die Stadt und betrachten Sie die gesamte Anlage von außen. Erst von dort wird deutlich, wie viele Verteidigungsebenen zwischen dem freien Gelände und der eigentlichen Stadt lagen.

Fotos