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Schrannenplatz – vom jüdischen Friedhof zum Getreidemarkt

Der Schrannenplatz liegt im nördlichen Teil der Rothenburger Altstadt unmittelbar an der Stadtmauer. Hinter seinem heutigen Erscheinungsbild verbirgt sich eine ungewöhnlich vielschichtige Geschichte: Im Mittelalter befand sich hier der jüdische Friedhof, später wurde der Platz zum Getreidemarkt. Die große Schrannenscheune von 1588 erinnert noch heute an diese wirtschaftliche Funktion.

Der mittelalterliche „Judenkirchhof“

Bevor der Platz seine heutige Bezeichnung erhielt, war das Gelände über Jahrhunderte eng mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde Rothenburgs verbunden.

Im 13. und 14. Jahrhundert lag hier, außerhalb der damaligen nördlichen Stadtbefestigung, der jüdische Friedhof. Die ältere Bezeichnung des Platzes lautete deshalb „Judenkirchhof“ – eine historische christliche Bezeichnung für einen jüdischen Friedhof.

Die erste große jüdische Gemeinde Rothenburgs hatte ihr Zentrum zunächst rund um den heutigen Kapellenplatz. Nachdem diese Gemeinde infolge der Verfolgungen des 14. Jahrhunderts weitgehend untergegangen war, entstand später ein neues jüdisches Viertel im Bereich der heutigen Judengasse.

Ab etwa 1407 befand sich auch eine neue Synagoge in der Nähe des Friedhofs am heutigen Schrannenplatz.

Das Ende des jüdischen Friedhofs

Die Situation der Rothenburger Juden verschlechterte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts zunehmend. Nach der endgültigen Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Rothenburg im Jahr 1520 gingen Synagoge und Friedhof in den Besitz der Stadt über. Das Friedhofsgelände wurde später eingeebnet.

Die jüdische Vergangenheit des Platzes geriet dadurch über Jahrhunderte weitgehend aus dem Stadtbild.

Erst ein Fund im Jahr 1914 machte sie wieder deutlich sichtbar: Bei Bauarbeiten kamen auf dem früheren Friedhof zahlreiche mittelalterliche jüdische Grabsteine und menschliche Gebeine zum Vorschein. Die Steine stammen zum Teil aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Mehrere von ihnen befinden sich heute in der Judaica-Abteilung des RothenburgMuseums.

Darunter befand sich auch der bedeutende Gedenkstein an die Opfer des Rintfleisch-Pogroms von 1298.

Vom Friedhof zum Getreidemarkt

Nach dem Ende des jüdischen Friedhofs erhielt das Gelände eine neue wirtschaftliche Funktion.

Der Begriff „Schranne“ bezeichnete im süddeutschen Raum einen Korn- beziehungsweise Getreidemarkt und häufig auch das dazugehörige Speicher- oder Marktgebäude.

1588 wurde am Platz die große Schrannenscheune errichtet. Das langgestreckte Gebäude mit seinem steilen Satteldach und den hohen Giebelgeschossen diente dem Handel und der Lagerung von Getreide und gehört heute zu den geschützten Baudenkmälern der Stadt.

Getreide war für eine Stadt wie Rothenburg von zentraler Bedeutung. Ein funktionierender Markt ermöglichte nicht nur den Handel zwischen Stadt und Umland, sondern spielte auch bei der Versorgung der Bevölkerung eine wichtige Rolle.

Der Schrannenplatz war damit nicht einfach ein freier Platz, sondern Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur der Reichsstadt.

Die Schrannenscheune

Die Schrannenscheune am Schrannenplatz 18 ist heute das auffälligste Gebäude, das an diese Nutzung erinnert.

Der Bau stammt von 1588 und besitzt Rundbogenportale, ein sehr steiles Satteldach und mehrere verputzte Fachwerk-Giebelgeschosse. Die enorme Dachfläche und das große Raumvolumen verdeutlichen noch heute seine ursprüngliche Funktion als Lager- und Marktgebäude.

Das Gebäude wird heute nicht mehr als Getreidespeicher genutzt. Die Stadt betrachtet die denkmalgeschützte Schrannenscheune inzwischen als möglichen Veranstaltungs- und Marktort; unter anderem wurde eine Nutzung für regionale Märkte untersucht.

Der Name „Schrannenplatz“ ist erstaunlich jung

Interessant ist, dass der heutige Name vergleichsweise neu ist.

Noch bis ins 20. Jahrhundert wurde der Platz als Judenkirchhof bezeichnet. Nach Angaben des Vereins Alt-Rothenburg erfolgte die Umbenennung in Schrannenplatz erst um 1958.

Damit erinnert der heutige Name vor allem an die spätere wirtschaftliche Nutzung, während die wesentlich ältere Geschichte des jüdischen Friedhofs im Namen nicht mehr sichtbar ist.

Gerade deshalb sollten wir in unserem Artikel beide Ebenen gleichwertig behandeln.

Stadtmauer und Pulverturm

Der Schrannenplatz grenzt unmittelbar an die Rothenburger Stadtbefestigung. Besonders markant ist der Pulverturm, der zusammen mit der Stadtmauer die östliche Seite des Platzes prägt.

Dadurch lässt sich vom Schrannenplatz sehr gut erkennen, wie eng Wohnbebauung, Handelsplätze und Stadtverteidigung innerhalb der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt miteinander verbunden waren.

Für Rothenburg-Tourist würde ich deshalb später direkte Verknüpfungen setzen zu:

Jüdisches Rothenburg → Judengasse → Stadtmauer → Pulverturm → Schrannenscheune

Das passt genau zu unserem Prinzip, Orte nicht isoliert zu beschreiben, sondern ihre Beziehungen sichtbar zu machen.

Der Schrannenplatz heute

Heute dient ein großer Teil des Schrannenplatzes als innerstädtische Parkfläche. Die Schrannenscheune, die historischen Häuser und die unmittelbar angrenzende Stadtmauer prägen weiterhin das Erscheinungsbild.

Der Platz ist ein öffentlicher Stadtraum und ohne Öffnungszeiten zugänglich.

Seine historische Bedeutung ist auf den ersten Blick allerdings kaum zu erkennen. Wer heute dort sein Auto abstellt oder zur Stadtmauer geht, befindet sich auf einem Ort, der fast 800 Jahre Rothenburger Stadtgeschichte miteinander verbindet: jüdisches Leben, Verfolgung und Erinnerung ebenso wie Handel, Versorgung und Stadtbefestigung.

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