Ort
Spitalhof – eine Stadt in der Stadt
Der Spitalhof bildet das historische Zentrum des Rothenburger Spitalviertels. Rund um die Heilig-Geist-Kirche entstand seit dem späten 13. Jahrhundert eine weitläufige Anlage zur Versorgung von Reisenden, Armen, Alten und Kranken. Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude, Speicher und die Stadtbefestigung machten das Spital über Jahrhunderte beinahe zu einer eigenen kleinen Stadt innerhalb Rothenburgs.
Das „Neue Spital“ vor der Stadt
Die Geschichte des Spitalhofs beginnt um 1280/1281. Südlich der damaligen Stadt entstand das sogenannte Neue Spital zum Heiligen Geist. Rothenburg besaß zu diesem Zeitpunkt bereits ein älteres Spital der Johanniter bei St. Johannis; die neue Anlage sollte zusätzliche Aufgaben übernehmen.
Ein mittelalterliches Spital war dabei weit mehr als ein Krankenhaus. Es nahm Pilger und Reisende auf, beherbergte alte und gebrechliche Menschen, versorgte Arme mit Nahrung und kümmerte sich auch um Kranke. Besonders für Reisende, die Rothenburg nach der Schließung der Stadttore erreichten, war das Spital eine wichtige Anlaufstelle.
Im Mittelpunkt stand die Heilig-Geist-Kirche, deren Altar 1308 geweiht wurde.
Ein eigener Stadtteil entsteht
Das Spital lag zunächst außerhalb der engeren Stadtmauer. Erst bei der letzten großen mittelalterlichen Erweiterung wurde der südliche Bereich in die Stadtbefestigung einbezogen. Um 1400 hatte Rothenburg damit im Wesentlichen die Ausdehnung erreicht, die seine Altstadt noch heute besitzt.
Die charakteristische Ausbuchtung im Süden des Stadtgrundrisses entstand vor allem wegen des großen Spitalareals. Die Rothenburger nennen diesen Teil der Altstadt wegen seiner Form auch „Kappenzipfel“.
Das eigentliche Spitalgelände umfasste rund zwei Hektar. Noch heute stehen dort zahlreiche historische Gebäude aus mehreren Jahrhunderten. Eine offizielle Bestandsbeschreibung spricht von 14 zum Spital gehörenden Gebäuden.
Nicht nur Fürsorge, sondern ein großer Wirtschaftsbetrieb
Das Spital entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem der bedeutendsten Wirtschaftsbetriebe der Reichsstadt.
Zu seinem Besitz gehörten Höfe, landwirtschaftliche Flächen, Wälder, Weinberge und Fischteiche weit außerhalb Rothenburgs. Nach Angaben des Rothenburg Tourismus Service verfügte das Spital über Besitzungen beziehungsweise Rechte in zahlreichen Orten der Umgebung. Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Viehhaltung und weitere Betriebe erwirtschafteten die Mittel, mit denen die soziale Einrichtung finanziert werden konnte.
Noch heute geht ein beträchtlicher Teil des städtischen Waldbesitzes auf das historische Spitalvermögen zurück.
Der große Spitalbau
In den 1570er Jahren entstand der repräsentative Hauptbau des Spitals. Seine Größe zeigt, welche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung die Einrichtung inzwischen besaß.
Zur Anlage gehörten außerdem Pfründhäuser für Bewohner, Stallungen, Wirtschaftsgebäude, eine Küche, Schlachthaus, Scheunen und weitere Einrichtungen. Das Spital war dadurch tatsächlich eine weitgehend eigenständige Versorgungseinheit innerhalb der Stadt.
Das sogenannte Hegereiterhaus
Das auffälligste Gebäude im Spitalhof ist das 1591 errichtete Spitalbereiterhaus mit seinem hohen Zeltdach und dem runden Treppenturm.
Heute wird es meist als Hegereiterhaus bezeichnet. Historisch ist dieser Name allerdings irreführend. Im Erdgeschoss befand sich die große Spitalküche, während im Obergeschoss der Spitalbereiter wohnte. Dieser leitete den umfangreichen Wirtschaftsbetrieb und verwaltete die Besitzungen des Spitals. Die Bezeichnung „Hegereiterhaus“ kam erst später auf.
Das Gebäude wird sehr wahrscheinlich dem Rothenburger Baumeister Leonhard Weidmann zugeschrieben, der auch an anderen bedeutenden Renaissancebauten der Stadt beteiligt war.
Scheunen, Viehhaltung und Versorgung
Der Spitalhof vermittelt noch heute einen Eindruck davon, wie umfangreich die Versorgung organisiert war.
Zum Gebäudebestand gehörten unter anderem ein Ochsenbau, eine sogenannte Schweizerei für die Vieh- beziehungsweise Milchwirtschaft, Stallungen und große Scheunen. Die ehemalige Hospitalscheune von 1699 ist heute die Reichsstadthalle.
Gerade diese Gebäude zeigen, dass mittelalterliche und frühneuzeitliche Fürsorge nur funktionieren konnte, wenn dahinter ein leistungsfähiger landwirtschaftlicher und wirtschaftlicher Betrieb stand.
Spitaltor und Befestigung
Der südliche Abschluss des Viertels wird von der mächtigen Spitalbastei geprägt.
Sie wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ausgebaut und 1546 fertiggestellt. Damit gehört sie zu den jüngsten und modernsten Teilen der Rothenburger Stadtbefestigung.
Über dem Tor steht die lateinische Inschrift:
„Pax intrantibus, salus exeuntibus“
sinngemäß:
„Friede den Eintretenden, Heil den Hinausgehenden.“
Damit verbindet sich der Schutzgedanke der Stadtbefestigung auf ungewöhnliche Weise mit der fürsorglichen Funktion des Spitals.
Vom Spital zur heutigen Nutzung
Das Spital bestand als soziale Einrichtung auch nach dem Ende der Reichsstadt weiter.
1808 wurde auf dem Gelände ein kleines Krankenhaus eingerichtet, das von der Spitalstiftung betrieben wurde und als Vorläufer des späteren Rothenburger Krankenhauses gelten kann.
Bis heute hat der Bereich seine soziale Funktion teilweise behalten. Im Spitalhof befinden sich unter anderem Einrichtungen für Senioren. Die ehemalige große Scheune dient als Reichsstadthalle, während die unmittelbar an der Stadtmauer gelegene Stöberleinsbühne als Freilichtbühne für Veranstaltungen genutzt wird.
Warum der Spitalhof besonders interessant ist
Der Spitalhof zeigt einen Teil des mittelalterlichen Stadtlebens, der bei einem Besuch leicht übersehen wird.
Hier ging es nicht um Rathaus, Patrizierhäuser oder repräsentativen Handel, sondern um die praktische Organisation einer Stadt:
Wer versorgte Arme? Wo schliefen Reisende? Wie wurden alte Menschen betreut? Woher kamen Lebensmittel? Wer verwaltete die Felder und Wälder?
Im Spitalhof lassen sich viele dieser Fragen noch heute anhand realer Gebäude beantworten.
Deshalb würde ich ihn auf Rothenburg-Tourist nicht nur als „schönen Platz“ behandeln, sondern als zusammenhängendes historisches System. Das passt auch sehr gut zu unserem Medieval-City-Konzept.
Vor Ort
Besucherinfo
- Gründungsjahr
- 1280
- Bauzeit
- 1280–1308
- Zugang
- Kostenlos
- Öffentlich zugänglich
- Ja
- Barrierefreiheit
- Ja