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Die St.-Johannis-Kirche

Die St.-Johannis-Kirche gehört zu den Sehenswürdigkeiten Rothenburgs, die von außen eher unscheinbar wirken und gerade deshalb leicht übersehen werden. Dabei erzählt das Gebäude eine außergewöhnliche Geschichte: Seine Ursprünge liegen beim mittelalterlichen Johanniterorden, später wurde die Kirche evangelisch, ihr Dach zu einem riesigen städtischen Getreidespeicher umgebaut – und seit 1803 dient sie wieder der katholischen Gemeinde Rothenburgs als Kirche.

Auch die Lage ist bemerkenswert. Nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt steht St. Johannis zwischen Burggasse und Schmiedgasse, unmittelbar neben der ehemaligen Johanniterkomturei, in der sich heute das Mittelalterliche Kriminalmuseum befindet.

Die Johanniter in Rothenburg

Die Geschichte des Ortes reicht bis etwa 1200 zurück.

Damals gründete der Johanniterorden eine Niederlassung in Rothenburg. Der Orden, dessen Ursprünge in der Versorgung kranker und bedürftiger Pilger im Heiligen Land lagen, entwickelte sich im Mittelalter zugleich zu einem geistlichen Ritterorden.

Zur Rothenburger Niederlassung gehörten nicht nur eine Kirche, sondern weitere Gebäude einer sogenannten Kommende.

Um 1400 wurde die Kirche grundlegend im Stil der Spätgotik neu errichtet beziehungsweise umgestaltet. Der heutige Bau entstand im Wesentlichen zwischen 1390 und 1404.

Kirche und Kriminalmuseum gehörten einst zusammen

Ein interessantes Detail wird heute leicht übersehen.

Das Gebäude direkt westlich der Kirche, in dem sich heute das Mittelalterliche Kriminalmuseum befindet, war ursprünglich das Kommendehaus der Johanniter.

Kirche und heutiges Museum bildeten damit früher Bestandteile derselben Ordensniederlassung.

Sogar Spuren eines ehemaligen Johannitertores sind noch in der östlichen Giebelwand der Kirche erhalten. Die ungewöhnliche Stellung des Gebäudes im Straßenverlauf zwischen Oberer und Unterer Schmiedgasse erinnert ebenfalls an diese ältere Anlage.

Wer St. Johannis und das Kriminalmuseum direkt hintereinander besucht, bewegt sich also durch einen Bereich der Stadt, dessen Gebäude bereits vor Jahrhunderten eng miteinander verbunden waren.

Eine spätgotische Hallenkirche

St. Johannis wurde als dreischiffige spätgotische Hallenkirche errichtet.

Im Gegensatz zur wesentlich größeren St.-Jakobs-Kirche besitzt St. Johannis keinen mächtigen Kirchturm. Stattdessen sitzt auf dem steilen Dach ein kleinerer Dachreiter.

Auch innen wirkt die Kirche deutlich schlichter.

Das heutige Erscheinungsbild wird geprägt durch:

  • die große Holzbalkendecke
  • vier massive Rundsäulen aus Muschelkalk
  • den schlichten Altarraum
  • das moderne große Altarkreuz
  • historische Grabmäler
  • mehrere erhaltene mittelalterliche und barocke Kunstwerke
  • das große Ostfenster

Gerade die vier mächtigen Säulen fallen sofort auf. Und ihre Geschichte ist ungewöhnlich.

Eine Kirche wird zum Getreidespeicher

Mit der Einführung der Reformation in Rothenburg im Jahr 1544 verschwand die katholische Religionsausübung in der Stadt weitgehend.

1553 wurde St. Johannis dem Johanniterorden entzogen und anschließend als evangelische Kirche genutzt.

Doch wenige Jahrzehnte später erhielt das Gebäude noch eine vollkommen andere Aufgabe.

1628 wurde der Dachraum der Kirche zu einem viergeschossigen städtischen Getreidespeicher ausgebaut.

Dafür musste die Konstruktion erheblich verstärkt werden.

Eine neue Flachdecke wurde eingezogen und mitten in der Kirche errichtete man vier kräftige Rundpfeiler aus Muschelkalk, die das enorme Gewicht der darüberliegenden Speicherböden tragen konnten.

Damit erfüllte St. Johannis gleichzeitig zwei vollkommen verschiedene Funktionen.

Warum Getreide mitten in der Stadt lagern?

Getreide war für eine historische Stadt eine strategisch wichtige Ressource.

Eine Stadt benötigte Vorräte für:

  • die tägliche Versorgung der Bevölkerung
  • schlechte Ernten
  • steigende Getreidepreise
  • Krisenzeiten
  • militärische Konflikte und Belagerungen

Rothenburg verfügte zwar über ein großes landwirtschaftlich geprägtes Umland, dennoch musste Getreide sicher gelagert werden.

Dass ausgerechnet der riesige Dachraum einer Kirche dafür genutzt wurde, zeigt, wie pragmatisch historische Gebäude immer wieder neuen Bedürfnissen angepasst wurden.

St. Johannis war dadurch nicht nur ein religiöser Ort, sondern zeitweise gleichzeitig Bestandteil der städtischen Versorgungsinfrastruktur.

St. Johannis während des Dreißigjährigen Krieges

Auch während des Dreißigjährigen Krieges wechselte die Nutzung zeitweise.

Wenn katholische kaiserliche Truppen in Rothenburg einquartiert waren, fanden in St. Johannis wieder katholische Gottesdienste statt.

Die Kirche wurde außerdem als Begräbnisstätte für katholische Offiziere genutzt.

Damit spiegelt das Gebäude unmittelbar die religiösen und politischen Konflikte dieser Zeit wider.

Seit 1803 wieder katholisch

Ein weiterer großer Wendepunkt kam 1803.

Rothenburg verlor seine jahrhundertelange Stellung als Freie Reichsstadt und fiel an Bayern.

In der Stadt entstand wieder eine kleine katholische Gemeinde. Ihr wurde St. Johannis als Gotteshaus überlassen.

Damit wurde aus der ehemaligen Johanniterkirche nach rund 250 Jahren wieder eine katholische Kirche.

Die Gemeinde entwickelte sich anschließend weiter:

  • 1803: St. Johannis wird der katholischen Gemeinde überlassen
  • 1827: Einrichtung einer katholischen Kuratie
  • 1893: St. Johannis wird eigenständige Pfarrei

Bis heute ist St. Johannis die zentrale römisch-katholische Kirche innerhalb der Rothenburger Altstadt.

Johannes der Täufer

Namensgeber der Kirche ist Johannes der Täufer. Auf ihn weisen mehrere Kunstwerke hin.

Besonders interessant sind die mittelalterlichen Steinfiguren an der Nordseite der Kirche.

Dort befinden sich:

  • Johannes der Täufer, entstanden um 1390–1400
  • darunter eine Prophetenfigur und die Darstellung eines betenden Stifters
  • der Heilige Christophorus, entstanden um 1400

Auch über beziehungsweise am Hauptportal befindet sich eine sogenannte Johannesschüssel aus der Zeit um 1393 – eine Darstellung des abgeschlagenen Hauptes Johannes des Täufers.

Gerade diese Figuren sollte man sich vor dem Betreten der Kirche genauer ansehen.

Historische Grabmäler der Johanniter

Im Inneren befinden sich außerdem mehrere Grab- und Wappensteine, die unmittelbar an die Geschichte des Johanniterordens erinnern.

Dazu gehören unter anderem die Grabmäler beziehungsweise Erinnerungssteine für:

  • Wolfram Geißendörfer, Ritter und Ratsherr, gestorben 1455
  • Jörg von Scharnstetten, Johanniterkomtur, gestorben 1459
  • Jörg von Melchingen, Johanniterkomtur, gestorben 1488
  • Caspar vom Stein, Johanniterkomtur, gestorben 1530
  • den letzten Rothenburger Johanniterkomtur Johann Jacob von Pfürdt, gestorben 1819

Diese Grabmäler sind besonders interessant, weil sie die Ordensgeschichte des Gebäudes unmittelbar mit konkreten Personen verbinden.

Ein Werk aus der Riemenschneider-Werkstatt

St. Johannis besitzt zwar keinen monumentalen Riemenschneider-Altar wie St. Jakob, dennoch findet sich auch hier eine Verbindung zu dem berühmten fränkischen Bildschnitzer.

Ein Kruzifixus aus der Zeit um 1500 bis 1510 wird der Werkstatt Tilman Riemenschneiders zugeschrieben.

Das Werk stammt vermutlich ursprünglich aus der später abgebrochenen Marienkapelle am Kapellenplatz.

Damit hat sich in St. Johannis ein Kunstwerk erhalten, das wahrscheinlich ursprünglich gar nicht für diese Kirche geschaffen wurde.

Die barocke Marienfigur

Ein weiteres historisches Kunstwerk ist eine barocke Marienstatue aus der Zeit zwischen etwa 1650 und 1675.

Nach Angaben der Kirchengemeinde ist sie das einzige erhaltene Stück der älteren Kirchenausstattung.

Viele andere Teile der historischen Innenausstattung gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren oder wurden während verschiedener Umbauten entfernt.

Deshalb wirkt der Innenraum heute wesentlich schlichter, als man es bei einer katholischen Kirche dieses Alters vielleicht erwarten würde.

Ein moderner Altarraum in einer mittelalterlichen Kirche

Besonders deutlich wird dieser Kontrast im Altarraum.

1967 beziehungsweise Ende der 1960er-Jahre wurde die Kirche nach den liturgischen Veränderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils grundlegend umgestaltet. Die frühere barocke Altarwand wurde entfernt und durch einen wesentlich schlichteren Altarraum ersetzt.

Heute befindet sich dort ein freistehender steinerner Hauptaltar.

Weitere moderne Gestaltungselemente stammen vom Münchner Bildhauer Klaus Backmund:

  • großes Altarkreuz
  • Tabernakel
  • Ambo
  • Osterleuchter
  • Weihwasserkessel

Das große hängende Altarkreuz besteht aus versilbertem Weidenholz und zeigt den auferstandenen Christus, der das Kreuz beziehungsweise den Tod überwindet.

Das Ostfenster

1997 wurde das zuvor geschlossene Ostfenster wieder geöffnet und neu gestaltet.

Das Farbglas stammt vom Berliner Künstler Paul Corazolla.

Die Kirche wirkt dadurch nicht wie ein eingefrorenes Museum.

Sie zeigt, dass ein Gotteshaus über Jahrhunderte immer wieder an die Bedürfnisse seiner jeweiligen Gemeinde angepasst wurde.

Der moderne Kreuzweg

Seit 2014 besitzt St. Johannis außerdem wieder einen Kreuzweg.

Die modernen Bildtafeln stammen vom Rothenburger Künstler Peter Nedwal.

Die Darstellungen sind bewusst reduziert. Figuren treten aus dunklen Flächen hervor und konzentrieren den Blick auf einzelne Situationen des Leidensweges Jesu.

Auch hier zeigt sich der besondere Charakter von St. Johannis:

Alte Architektur wird nicht ausschließlich mit historischer Kunst gefüllt, sondern bleibt Raum für zeitgenössische religiöse Gestaltung.

Die Orgel

Die Orgel wurde 1885 von G. F. Steinmeyer & Co. aus Oettingen gebaut.

Ursprünglich besaß sie 23 Register auf zwei Manualen und Pedal. 1993 wurde das Instrument um drei weitere Register erweitert.

Die Kirche wird bis heute für Gottesdienste und Kirchenmusik genutzt.

Wer während seines Aufenthalts Gelegenheit hat, eine musikalische Veranstaltung oder einen Gottesdienst mitzuerleben, erlebt den Raum noch einmal aus einer anderen Perspektive.

Ein ungewöhnliches Gebäude für eine Kirche

Auch äußerlich unterscheidet sich St. Johannis deutlich von St. Jakob.

Sie besitzt keinen großen Kirchturm und keinen aufwendig gegliederten Chor.

Stattdessen wirkt sie beinahe wie ein sehr großes historisches Bürger- oder Speichergebäude:

  • hoher rechteckiger Baukörper
  • sehr steiles Dach
  • massiver Ostgiebel
  • schmaler Dachreiter
  • große gotische Fenster

Gerade das enorme Dach wird verständlich, wenn man weiß, dass sich darin seit dem 17. Jahrhundert mehrere Speicheretagen befanden.

Fototipp – die Figuren an der Nordwand

Für Detailaufnahmen lohnt sich besonders die Nordseite der Kirche.

Hier befinden sich die rund 600 Jahre alten Steinfiguren von Johannes dem Täufer und St. Christophorus.

Viele Besucher gehen unmittelbar an ihnen vorbei.

Fototipp – hinter der Kirche

Einer der schönsten Punkte befindet sich nicht in der Kirche, sondern direkt dahinter.

Folgt man dem Bereich in Richtung An der Eich, erreicht man einen Aussichtspunkt oberhalb des Weinbergs.

Von einer kleinen Aussichtskanzel öffnet sich der Blick:

  • über die Weinberge
  • hinunter ins Taubertal
  • in Richtung Burggarten
  • auf die gegenüberliegenden Hänge

Wer St. Johannis besucht, sollte diesen kurzen Abstecher deshalb unbedingt mitnehmen.

Von der Kirche direkt ins Taubertal

Der Bereich hinter St. Johannis ist zugleich ein interessanter Übergang zwischen Altstadt und Landschaft.

Über An der Eich führen Wege weiter bergab in Richtung Taubertal.

Damit lässt sich der Kirchenbesuch hervorragend mit einem Spaziergang verbinden.

Ähnlich wie beim Burggarten zeigt sich hier sehr schön, wie unmittelbar die historische Altstadt und die Landschaft rund um Rothenburg miteinander verbunden sind.

Gut zu wissen

St. Johannis ist heute eine aktive römisch-katholische Pfarrkirche.

Der Besuch ist kostenlos.

Der aktuelle Rothenburg-Salesguide 2026/2027 nennt als reguläre Besuchszeit:

täglich von 9:00 bis 18:00 Uhr
Eintritt frei

Da Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen Vorrang haben, kann es zeitweise zu Einschränkungen kommen.

Stand: August 2026.

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