Ort
St.-Wolfgangs-Kirche
Die St.-Wolfgangs-Kirche gehört zu den ungewöhnlichsten Sakralbauten Rothenburgs. Direkt am Klingentor gelegen, verbindet sie spätgotische Kirchenarchitektur mit der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Unter dem Gotteshaus befinden sich Kasematten und Verteidigungsräume, während im Inneren kunstvolle Gewölbe und drei spätgotische Altäre erhalten geblieben sind.
Eine Kirche der Schäfer und Wollhändler
Im Rothenburg des 15. Jahrhunderts waren Schäferei und Wollhandel wichtige Wirtschaftszweige. Schafe lieferten nicht nur Fleisch und andere Erzeugnisse, vor allem die Wolle war ein wertvolles Handelsgut. Einige Rothenburger Familien gelangten durch diesen Handel zu erheblichem Wohlstand.
Eine wichtige Rolle spielte dabei der Wollhändler Michael Otnat. Seine Familie war im Laufe des 15. Jahrhunderts gesellschaftlich aufgestiegen. Otnat gehörte zu den treibenden Kräften hinter der 1476 gegründeten Schäferbruderschaft. In dieser Gemeinschaft waren nicht nur Schäfer organisiert, sondern offenbar auch wohlhabende Händler, deren wirtschaftliche Existenz eng mit der Schafhaltung und dem Wollhandel verbunden war.
Schutzpatron der Gemeinschaft war der heilige Wolfgang, der unter anderem als Beschützer von Hirten und Herden verehrt wurde. Bereits vor dem Bau der heutigen Kirche befand sich vor dem Klingentor ein religiöser Ort, an dem Gläubige Wolfgang verehrten. Die Überlieferung verband diesen Platz mit wundersamen Ereignissen, wodurch er auch für Pilger interessant wurde.
Der Bau der St.-Wolfgangs-Kirche
Ab 1475 entstand an dieser Stelle die heutige Kirche. Als Abschluss der Bauzeit wird in kunsthistorischen Quellen 1493 genannt; einzelne touristische Publikationen nennen 1492. Für unseren Artikel würde ich deshalb bewusst formulieren:
„Die Kirche wurde ab 1475 errichtet und um 1493 vollendet.“
Damit umgehen wir die kleine Abweichung zwischen den Quellen sauber.
Der Standort stellte die Stadt allerdings vor ein Problem. Ein massives Gebäude unmittelbar außerhalb beziehungsweise am Rand der Stadtbefestigung hätte einem Angreifer Deckung bieten können. Die Lösung war ungewöhnlich: Die Kirche wurde direkt in das Verteidigungssystem des Klingentors eingebunden.
Unter ihr entstanden beziehungsweise liegen Kasematten, und Teile des Baus wurden mit Schießscharten und Verteidigungsräumen ausgestattet. Zusammen mit Klingentor und Klingenbastei bildete St. Wolfgang damit einen Teil der nördlichen Verteidigungsanlage Rothenburgs.
Deshalb wird St. Wolfgang häufig als Wehrkirche bezeichnet. Kunsthistorisch ist die präzisere Beschreibung jedoch eine Kirche, die unmittelbar in die städtische Befestigungsanlage integriert wurde. Der Dehio beschreibt sie entsprechend als in die Befestigungsanlagen beim Klingentor einbezogenen Kirchenbau mit Schießscharten und darunterliegenden Kasematten.
Zwei völlig unterschiedliche Seiten
Gerade dieser Gegensatz macht die Kirche interessant.
Von der Außenseite der Stadt wirkt der Bereich wie eine Festungsanlage. Massive Mauern, Schießöffnungen und die Verbindung mit der Klingenbastei zeigen die militärische Funktion.
Von der Stadtseite dagegen erscheint St. Wolfgang eindeutig als spätgotische Kirche. Maßwerkfenster, Portale und religiöse Bildwerke bestimmen hier das Erscheinungsbild.
Auch im Inneren tritt die Verteidigungsfunktion zunächst zurück. Das dreijochige Langhaus besitzt ein Sternrippengewölbe, der Chor ein Netzgewölbe. Die Architektur gehört damit deutlich in die spätgotische Baukunst des ausgehenden 15. Jahrhunderts.
Die drei spätgotischen Altäre
Besonders wertvoll ist die erhaltene Ausstattung.
Im Chor steht der Wolfgangsaltar von 1514. Im Zentrum befindet sich der heilige Wolfgang als Bischof, flankiert von Sebastian und Rochus. Die geschnitzten Figuren werden Hans Elsesser zugeschrieben; die bemalten Flügel stammen von Wilhelm Ziegler. Die Darstellungen erzählen Episoden aus dem Leben des heiligen Wolfgang.
Hinzu kommen ein Marienaltar sowie der Wendelinusaltar. Der heilige Wendelin war als Schutzpatron der Hirten für die Schäferbruderschaft besonders passend. Seine Darstellung mit Hirtenstab und Hirtenhorn stellt den direkten Bezug zwischen religiöser Verehrung und dem Berufsleben der Rothenburger Schäfer her.
Damit ist die Ausstattung mehr als reine Kirchenkunst: Sie erinnert unmittelbar daran, welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung Schäferei und Wollhandel damals für Rothenburg besaßen.
Wallfahrt, Bruderschaft und soziale Gemeinschaft
Die Schäferbruderschaft hatte nicht nur religiöse Aufgaben. Ihre Mitglieder leisteten regelmäßige Beiträge; außerdem verfügte die Gemeinschaft über eine eigene Herde. Einnahmen kamen auch durch Pilger hinzu.
Die Bruderschaft erfüllte zugleich soziale Funktionen. Sie sorgte beispielsweise für Mitglieder und deren Familien und unterstützte Hinterbliebene. Diese Form gegenseitiger Absicherung bestand in Teilen bis in das frühe 19. Jahrhundert.
Bemerkenswert ist auch, dass die Gemeinschaft die Reformation überdauerte. Obwohl Rothenburg protestantisch wurde, bestand die Schäferbruderschaft weiter. Erst im Zuge der politischen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlor sie endgültig ihre frühere Bedeutung. 1802 wurde die letzte Predigt für die Schäferbruderschaft in St. Wolfgang gehalten.
Vom mittelalterlichen Schäferwesen zum Schäfertanz
Die mittelalterliche Bruderschaft existiert heute nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form. An ihre Geschichte erinnert jedoch der Verein Historischer Schäfertanz Rothenburg ob der Tauber.
In der Wolfgangskirche befindet sich eine Ausstellung zur Geschichte der Schäferei und des Wollhandels. Der Verein pflegt außerdem den bekannten Historischen Schäfertanz, der unter anderem während größerer historischer Veranstaltungen auf dem Rothenburger Marktplatz gezeigt wird. Die heutige Tanztradition entstand allerdings erst im frühen 20. Jahrhundert und ist nicht einfach eine unverändert überlieferte Tanzform der mittelalterlichen Bruderschaft.
Warum sich ein Besuch lohnt
St. Wolfgang ist besonders interessant, weil sich hier verschiedene Bereiche des mittelalterlichen Stadtlebens unmittelbar überschneiden: Religion, Handel, Schäferei, soziale Gemeinschaft und Verteidigung.
Besucher können nicht nur den Kirchenraum und seine Altäre sehen, sondern auch Bereiche der Befestigungsanlage kennenlernen. Gerade die Kasematten und der Zugang zur Wehranlage verdeutlichen, dass Stadtmauer und Stadttore nicht aus einzelnen isolierten Bauwerken bestanden, sondern als zusammenhängendes Verteidigungssystem funktionierten.
Für unsere Plattform sollten wir den Artikel deshalb später direkt mit dem Klingentor, der Stadtmauer-Tour und einem Artikel über Schäferei und Wollhandel im mittelalterlichen Rothenburg verbinden.
Vor Ort
Besucherinfo
- Gründungsjahr
- 1475
- Bauzeit
- 1475–1493
- Zugang
- Kostenlos
- Öffentlich zugänglich
- Teilweise
- Besuchsbereich
- Innen- und Außenbereich